Besondere Konzertformate
wenn das Publikum besonders ist
Die besten Ideen kommen mir, wenn mich das Publikum inspiriert: im Kinderheim, Gefängnis, in einer Industriehalle...
Nimm Platz und nimm teil... ich schreibe über die Konzerte so, wie nochmal dabei sein :)
Mit dem Cello um die WELT für Kinder
Dies ist so ein Konzert, bei dem ich überhaupt nicht weiß, was passieren wird. Ich mag das. Im Saal sitzen 90 Grundschulkinder, wir haben dazu ihre Großeltern und andere Senior:nnen eingeladen, die mitten dazwischen sitzen. Es liegt ein Summen und eine Lebendigkeit in der Luft, die von den Kindern kommt.
Beim Eröffnungsstück sind alle noch ziemlich still und brav. Dann kommt das erste Musik-Quiz: ich spiele Stücke und Songs an, und alle dürfen raten. Wie habe ich mir den Kopf zerbrochen, was ich für die Kinder spiele und was für die Älteren! Unnötig. Bald rufen alle ausgelassen durcheinander: “Espresso Macchiato!” “Major Tom!“ …die Kinder kennen sogar “Ich war noch niemals in New York” und “Yesterday”. ‘Bibi und Tina” dagegen raten sie nicht, finden aber gerade das auch gut: "Kannst du das nochmal spielen?” Bei “Pippi Langstrumpf” singen plötzlich alle spontan mit, Jung und Alt einträchtig zusammen.
Musikalisch sind wir ja auf Weltreise. Als ich anfange, arabische Lieder zu spielen und etwas auf Arabisch sage, meldet sich ein Mädchen: “Ich spreche auch arabisch!” “Ich auch!” “Ich auch!” Jetzt wollen alle Kinder erzählen, wo sie herkommen: Italien, Ukraine,... Syrien: "Kannst du nächstes Mal ein Lied aus Syrien spielen?” Das Konzert verwandelt sich von Minute zu Minute mehr in eine fließende, quirlige Interaktion zwischen uns allen. Ich kann hier gar nicht alles erzählen, was passiert ist. So eine Explosion von Kommunikation habe ich auf der Bühne noch nie erlebt, es erfüllt mich mit Glück. Die Senior: innen sind stiller als die Kinder, genießen es aber in vollen Zügen.
Der Beifall am Ende ist der kreativste ever: mit Klatschen, Stampfen, Rufen und Winken gleichzeitig ☺️🎉🎈 Auf besonderen Wunsch eines Mädchens spiele ich zum Schluss ein ukrainisches Lied. Nach dem Konzert kommt ein anderes Mädchen zu mir: “ich wollte mich extra bei dir bedanken, dass du das ukrainische Lied gespielt hast. Ich komme aus Russland.”
Konzert im Kinderheim
Wir kommen an - ein großer, blumengeschmückter Festpavillon ist vorbereitet. Da stehen schon die leckersten Kuchen mit frischem Kaffee. Von meinem Publikum habe ich noch keine rechte Vorstellung, ich weiß nur, dass die Erzieher:innen kommen und so einige Kinder, keine Ahnung, in welchem Alter.
Ich trete auf und sehe - zu meiner großen Überraschung, jede Menge sehr kleiner Kinder, unter sechs Jahren und nur ein, zwei, die älter sind. UPS! So ein junges Publikum hatte ich noch nie. Instinktiv passe ich meine Moderation an, wandle sie aus dem Moment heraus ab: die Protagonistinnen im Programm mache ich gleich jünger, damit sie näher an den Kindern dran sind. Lola (aus dem Film “Lola rennt”) wird von einer jungen Frau zu einem Mädchen: prompt meldet sich ein Kind und fragt: “wie alt ist denn Lola?” “Was sind Drogen?” werde ich auch gefragt. Oh, jetzt kommt Autumn Leaves, wie erkläre ich denn den Kleinen, was Liebeskummer ist? “Das ist, wenn man jemanden ganz doll vermisst und traurig ist, dass sie oder er nicht mehr da ist."
Und jetzt meine Gangster-Ballade! Was mache ich bloß, das ist doch sicher völlig ungeeignet? In meinem Kopf rattert es, und so frage ich direkt die Kinder: “ich wollte eigentlich ein Gangster-Stück spielen, aber das ist vielleicht zu gruselig für euch?” Ein empörter Aufschrei: “nein! Das ist gar nicht gruselig!” “Ich kenn’ Bonnie und Clyde!” Das letzte kommt von Johnny, den Namen erfahre ich später. Also spiele ich, es kommt super an und niemand kriegt Angst 😊😄👍🐞
Nach ca. 40 Minuten merke ich, dass es unruhig wird. Soll ich zum Ende kommen? Wieder frage ich die Kinder: “habt ihr schon Hunger auf Kuchen?” “Jaa!!!” Kommt es von allen Seiten. Die armen Kinder mussten die Kuchen nämlich schon die ganze Zeit anschauen. Also gibt es jetzt Kuchen. Als ich noch beim Kaffeetrinken bin, kommt Johnny. “Darf ich mal auf deinem Cello spielen?” Das darf er, und was das auslöst! Jetzt wollen alle Kinder auf dem Cello spielen, und wir machen eine einstündige Session. Alle müssen sich hinten anstellen, dürfen spielen, und wollen dann noch mal. Am öftesten Johnny: “ich habe den Flow! Ja, jetzt habe ich den Flow!” Zu mir sagen sie: “Spiel noch mal das Gangster-Stück, ja nochmal!”
Wir sind alle wie im Rausch, und ich bin völlig bezaubert und tief beeindruckt von diesem kleinen Kindern, die in ihrem kurzen Leben schon so viel mitgemacht haben und sich dennoch so freuen und im Moment leben können. Die Kinder werde ich jedenfalls nicht mehr los. Als ich sage: “jetzt muss ich mich umziehen”, heißt es: “wir kommen mit! Wir helfen dir!” Und ein ganzer Trupp kommt wirklich mit. Und ganz zum Schluss, viel später, ist immer noch ein ganz kleiner Junge übrig, Leon, der bis zum Auto mitkommt. Was für ein Auftritt! Den werde ich nie vergessen.
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* meine Konzerte sind so sehr aus dem Augenblick heraus, dass es sonst bisher keine Videos gibt, ich bin noch auf der Suche nach einer Art des Filmens, mit der ich mich in Alignment fühle